Sollen wir wirklich die Qualitätsabteilung abschaffen?

Vor einigen Tagen hat Johann vom Sehen-Lernen- Blog einen Artikel mit dem Titel "Schafft die Qualitätsabteilung ab!" veröffentlicht und als Beispiel gerade die Wareneingangskontrolle gewählt. Als Lieferantenmanager und SQA arbeite ich natürlich sehr eng mit dem Wareneingang zusammen und muss einfach die Gelegenheit nutzen, einige Dinge anzusprechen und zu erläutern. Ich kann vorweg nehmen, dass Johann zwar mit seiner Forderung richtig liegt die Wahrheit jedoch in der Praxis wie so oft "irgendwo dazwischen" liegt. Entscheiden Sie nach der Lektüre der (beiden) Artikel selbst, ob Sie auf eine Wareneingangskontrolle verzichten können.

Was ist eigentlich Qualität?

Qualität kann als Grad der Erfüllung von Kundenanforderungen definiert werden. Es geht dabei allerdings nicht nur um in Lastenheften oder Zeichnungen beschriebene Anforderungen. Erwartungen der Kunden können weit darüber hinaus gehen. Beispielsweise werden bei Markenprodukten weitaus höhere Ansprüche an Lebensdauer, Reklamationsbearbeitung und Kulanzregelungen gestellt. Auch die Erfüllung dieser Erwartungen werden von Kunden als Qualitätsmerkmale angesehen.

Eine gute Übersicht über die verschiedenen Anforderungstypen bietet das Kano- Modell

Welche Faktoren beeinflussen die Produktqualität?

Da es bei der Qualitätsabteilung meist um die Produktqualität geht, möchte ich hier einmal aufzeigen, welche Faktoren die Qualität der Produkte am meisten beeinflussen.
Im Grunde gibt es dafür zwei Hauptfaktoren.

1. Der Herstellungsprozess

Je nach Komplexität und Fertigungstiefe besteht der Herstellungsprozess aus einer Vielzahl an Arbeits- und Transportschritten. Die Fähigkeit und Stabilität des Herstellungsprozesses ist natürlich maßgeblich für die Qualität des hergestellten Produktes verantwortlich. Treten Störungen oder Risiken in einem der Arbeitsschritte auf kann die Qualität des Endproduktes nicht gewährleistet werden.

Nehmen wir als Beispiel den Prozess Herstellung eines Zahnrades. Der Prozess startet mit der Gewinnung des Roheisens, geht weiter über die Stahlproduktion, Vorbearbeitung, Verzahnung, Härtung, Schleifen - mit diversen teilweise internationalen Transportschritten. Diesen Prozess in allen Einzelheiten als fähig und stabil zu bezeichnen, fällt mir schwer.

2. Der menschliche Einfluss

Wieder abhängig von der Komplexität und des dadurch möglichen Automatisierungsgrades werden an nahezu jedem Prozess Menschen beteiligt sein. Diese Menschen machen Fehler, die die Produktqualität gefährden können. Dabei gehen die möglichen Fehler von falschen Verpackungen bis hin zu vergessenen Arbeitsschritten.

Wie kann der Einfluss dieser Faktoren minimiert werden?

Natürlich ist die einfachste Form, menschliche Fehler und instabile Prozesse zu kompensieren durch die Prüfung der Produkte gegeben.

Muss denn ein Qualitäter auf Qualität prüfen?

Oftmals werden dafür natürlich Verfahren benötigt, die nur durch speziell ausgebildetes Personal durchgeführt werden können und schon ist die Qualitätsabteilung geboren. Auch könnten Qualitätsprüfungen zeitaufwendig sein und es dadurch notwendig sein, einen Dritten die Prüfung durchführen zu lassen.

Warum Johann trotzdem Recht hat?

Aus der Lean- Perspektive ist nahezu jede, im Sinne des Kunden nicht wertschöpfende Tätigkeit Verschwendung und muss eliminiert werden. Dazu zählt ohne jede Frage auch die Qualitätsprüfung. Natürlich sollte heute jedes Unternehmen seine Prozesse auch nach Lean- Kriterien optimieren und die Methoden des Lean Management berücksichtigen.

Kommen komplexe Wertschöpfungsketten, hohe Fertigungstiefe und ein hoher manueller Anteil am Herstellungsprozess zusammen, gibt es allerdings oftmals kaum Möglichkeiten, teure und aufwändige Qualitätsprüfungen zu vermeiden.
Bei hohen Materialquoten kommt gerade der Wareneingangsprüfung eine sehr große Bedeutung zu um Störungen durch Qualitätsprobleme im späteren Verarbeitungsprozess zu verhindern.

Fazit

Sie sehen, dass es oftmals keine direkte Möglichkeit gibt, auf die Qualitätsabteilung beziehungsweise Wareneingangskontrolle zu verzichten. Komplexe Fertigungsstrukturen, instabile Prozesse und hoher manueller Anteil an den Produkten machen es unumgänglich, Prüfungen in den Prozess einzubauen.

Um dennoch eine effektive, effiziente Wareneingangskontrolle in Ihrem Unternehmen zu organisieren, gibt es einige Möglichkeiten. Diese werde ich Ihnen in meinem nächsten Artikel vorstellen.

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Kommentare

Hallo Alex,
ein wirklich guter Artikel und wie du sagst, ist es keine Sache, die man schwarz weiß sehen kann.

Allerdings sehe ich es nicht so, dass es eine besonders ausgebildete Person braucht, die aufgrund instabiler Prozesse die Qualität rausprüfen muss. Vielmehr ist es Aufgabe eines jeden Fertigungsplaners und Vorgesetzten die Prozesse so stabil wie möglich zu machen und die Mitarbeiter so zu qualifizieren, dass diese die Qualität selber beurteilen können.

Ich sehe allerdings ein, dass wir und unsere Zulieferer noch nicht soweit sind. Aber definitiv darauf hin arbeiten sollten.

Gruß Johann

Danke :)
Da gebe ich dir recht. Jeder von uns sollte immer daran arbeiten, Fehlerquellen zu identifizieren und abzustellen, die Prozesse stabiler zu machen.
Aber dazu werde ich noch einen oder zwei Artikel schreiben. Habe das ja bei uns im Wareneingang so umgesetzt. Da wird nichts mehr als Störung des Prozesses empfunden...
Dennoch gibt es Dinge, dazu muss man ausgebildetes Personal in der QS haben. Nimm zum Beispiel ne Gussprüfung. Nicht nur an der richtigen Stelle trennen, Schleifen, Ätzen und der ganze Kram. Man muss auch noch interpretieren können, was man dann unterm Mikroskop sieht :)
Gruß,
Alex

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